Es herrscht Aufbruchstimmung im Doppelkindergarten im Basler Gellertquartier. Eifrig packen kleine Zügelmänner und -frauen alle Spielsachen in Umzugskartons, hieven sie auf Leiterwagen und fahren damit zum Materialraum. Puzzles, Puppen, Playmobil und Co. gehen für zwölf Wochen in die Ferien. Zumindest war das so gedacht. Bis ein winziges Virus ...
    

Aber von Anfang an. Derweil sich im Depot die Schachteln türmen, werden Regale und Schubladen immer leerer. Während zweier Wochen verabschieden sich die Kinder nach und nach von den Spielsachen und handeln dabei selber aus, was zuerst geht und was noch ein paar Tage bleiben darf. Rebecca von Burg und Sabine Nimeley, die beiden Lehrpersonen, sind mindestens so gespannt wie die Kinder, was in den nun folgenden Wochen passiert. Sie haben sich entschieden, gemeinsam das Projekt «Spielzeugfreier Kindergarten» durchzuführen und dafür auch eine entsprechende Weiterbildung absolviert.

Vorbereitung von Eltern und Kindern

An einem Elternabend wurden das Vorgehen und der Sinn des Projekts den Eltern erklärt. Anhand eines Bilderbuchs haben die Kindergärtnerinnen auch die Kinder auf das Projekt vorbereitet: Maus Mimi hat mit ihrer Mäusegruppe nämlich dasselbe getan: alle Spielsachen in die Ferien geschickt – und einfach weitergespielt. Ein Piratenschiff gebaut. Ein Restaurant eingerichtet. Ein Kino eröffnet. Das alles konnten die Mäuse auch ohne eigentliches «Spielzeug».

Spielen ohne Spielsachen ist das eine. Im spielzeugfreien Kindergarten verschwinden aber auch fast alle Strukturen, die sonst im Kindsgi gelten. Es gibt keinen Morgenkreis, keine Aufträge, sogar ihr Znüni dürfen die Kinder essen, wann und wo sie wollen. Die Rolle der Lehrpersonen ändert sich grundlegend: Sie mischen sich so wenig wie möglich in das Spiel der Kinder ein, grundsätzlich nur dann, wenn’s gefährlich wird, wenn etwa der Stuhlturm bedenklich wackelt oder Kinder vom Schrank ins «Bassin» springen wollen. Aufgrund der besuchten Weiterbildung wissen die beiden Kindergärtnerinnen: Es wird eine Weile dauern, bis sich die Kinder eigenständig organisieren, konstruktiv spielen und ihren Platz finden.

Plötzlich macht es Klick

Und so ist es denn auch. Die ersten Tage sind alles andere als ermutigend. Viele Kinder wissen nichts mit der Leere anzufangen – ausser über Tische zu rennen und von Simsen zu springen. Manche stehen einfach nur rum und warten, bis es 12 Uhr ist. Das ist kaum auszuhalten. «Was machst du denn zu Hause, wenn dir langweilig ist?», fragt Rebecca von Burg ein maulendes Mädchen. Die Antwort: «Dann spiele ich etwas auf dem iPad.» Nach zwei Wochen würden die Lehrpersonen das Projekt am liebsten abbrechen.

Doch plötzlich kommt die Wende. Die Kinder beginnen, Ideen zu entwickeln, Spiele zu erfinden und sich zunehmend miteinander auszutauschen. Als habe es Klick gemacht! Kinder verwandeln sich in Feuerdrachen, es entstehen Höhlen, Häuser, ein Hindernisparcours und ein Flohmarkt, auf dem leider bald Räuber ihr Unwesen treiben, was eine Krisendiskussion unter den Beteiligten nötig macht. Schubladen werden zu Trommeln und lange Kartons zu Larven. An die Füsse gebundene Bauklötze dienen als Schlittschuhe, ein paar Mädchen feiern Hochzeit und suchen einen Bräutigam. Ein Beautysalon mit Massagesalon wird eröffnet, Anmeldung (schon vor Corona!) nur online.

Viel sprachlicher Austausch

Für all das braucht es weder Spielzeug noch Anregungen oder Einmischung der Lehrpersonen. Was es braucht: Absprachen, Austausch, Verhandeln ... viel Kommunikation unter den Kindern, von denen zu Hause kaum eines Deutsch spricht. Es sei unglaublich, welche Riesenfortschritte die Kinder in Deutsch machen, stellen beide Lehrpersonen fest. Und: Durch den Umgang mit den vielen Konflikten, welche die Kinder selber aushandeln müssen, seien sie auch deutlich sozialer geworden. Und: Die Gruppendynamik hat sich verändert. Kinder, die sich früher gern mit einem Spielzeug isoliert haben, gehören plötzlich dazu und machen sich selbstbewusst bemerkbar. Kindergärtnerinnen und Kinder sind begeistert. Manche wollen die Spielsachen gar nicht mehr zurückholen.

Abruptes Ende ...

Dann kam Corona. Und die Schulen mussten von einem Tag auf den anderen schliessen. Damit fand auch das Projekt vorzeitig ein abruptes Ende. So erfahren wir nicht, wie die Kindern reagieren, wenn – wie das vorgesehen war – nach zwölf Wochen die Spielsachen nach und nach wieder in den Kindsgi zurückkehren. Die beiden Kindergärtnerinnen sind aber überzeugt, dass sich das Projekt positiv auf die einzelnen Kinder und auch das Gruppenverhalten ausgewirkt hat und dies auch nachhaltig ist.

Dass sie Riesenfortschritte beim Deutsch-Lernen gemacht haben, sei das eine. Aber auch wie sie jetzt eigenverantwortlich Konflikte lösen, Spielideen entwickeln oder kreative Lösungen für ihre Vorhaben finden, sei extrem beeindruckend. Darauf werde man aufbauen. Wenn die Schulen wieder aufgehen, werde nicht mehr so viel Spielmaterial wie früher zur Verfügung gestellt und das freie Spiel offener gestaltet. Damit scheint sich eine alte Weisheit zu bestätigen: Weniger ist mehr. Yvonne Reck Schöni, Kommunikation Erziehungsdepartement Basel-Stadt
    


Kein Spielzeug, aber Zeug zum Spielen

Was steckt hinter der Idee «Spielzeugfreier Kindergarten»?

Was ist das Problem?

Die meisten Kinder haben viel zu viele Spielsachen. Die Spielzeugindustrie boomt, Kinder bekommen immer mehr und immer teureres Spielzeug. Die Folge: vollgestopfte Kinderzimmer, überbordender (Plastik-) Müll, anspruchsvolle, auf Spielzeug fixierte Kinder, Konsumhaltung, Neid.

Wie wirkt sich das aus?

Wissenschaftler haben festgestellt, dass Kinder, die sehr viele Spielsachen besitzen, leichter abgelenkt sind, weniger kreativ und weniger ausdauernd spielen (publizierte Studie in der Fachzeitschrift «Infant Behaviour and Development»). Eine Überhäufung mit Spielzeug und Freizeitangeboten kann dazu führen, dass Kinder zu wenig Gelegenheit haben, zur Ruhe zu kommen, ihre individuellen Bedürfnisse zu spüren, eigene Ideen zu entwickeln, sich selber zu beschäftigen, sich hingebungsvoll in etwas zu vertiefen ... oder sich auch mal zu langweilen.

Brauchen Kinder überhaupt Spielzeug?

Unter Spielzeug versteht man Spielsachen, die eigens zum Zweck des Spielens produziert werden und in der Regel vorgeben, wie damit zu spielen ist. Spielzeug ist nichts grundsätzlich Schlechtes, es gibt viele pädagogisch wertvolle Spielsachen. Aber wertvoll spielen lässt sich auch mit Tüchern, Seilen, Klämmerli, Schachteln, Röhren ... Auch die Natur bietet Spielmaterial: Blätter, Steine, Sand, Stecken, Blumen, Moos, Flechten, Tannzapfen etc. Kinder brauchen nicht unbedingt Spielzeug, sondern vor allem Zeug zum Spielen.

Was will das Projekt?

Im spielzeugfreien Kindergarten beschäftigen sich die Kinder vermehrt mit sich selber und mit ihren Gspänli, statt sich mit einem Spielzeug zurückzuziehen oder «bespielt» zu werden. Das freie Spielen in weitgehend undefiniertem Raum fördert das soziale Miteinander. Die Kinder erweitern ihre sozialen, kreativen und kognitiven Kompetenzen, indem sie eigene Ideen entwickeln, Lösungen diskutieren, Hilfe holen, Konflikte austragen und mit Frustrationen umgehen. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein. Es schafft auch Chancen, aus fixen Rollen herauszutreten und sich in einem neuen Licht zu präsentieren.

Welche Risiken birgt das Projekt?

Die meisten Kinder lassen sich mit Begeisterung auf die neue Situation ein. Aber nicht alle. Schüchterne, die sich sonst gern mit einem Spielzeug zurückziehen, brauchen vielleicht länger (und etwas Ermunterung), bis sie sich einer Gruppe anschliessen und sich dort behaupten. Der in der Regel höhere Lärmpegel kann ein Stressfaktor sein und Aufmerksamkeit und Konzentration stören. Ausserdem können während des Projekts nicht gezielt defizitäre Bereiche gefördert werden.

Was hat das mit Suchtprävention zu tun?

Die Projektidee entstand schon in den 1990er-Jahren in Deutschland in Zusammenarbeit von Suchtprävention und Pädagogik. Die Stärkung von Eigeninitiative und die Erkenntnis, selber etwas bewirken zu können, fördert die Lebenskompetenz. Fachleute meinen: Wer sich etwas zutraut, seine Meinung äussern kann, gewohnt ist zu verhandeln und auch mal Langeweile aushalten kann, ist weniger suchtgefährdet. Viele Studien belegen das. Das Projekt «Spielzeugfreier Kindergarten» gilt als einer der profiliertesten suchtpräventiven Ansätze im Kindergartenbereich.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Es ist zentral, dass die Eltern über den Sinn des Projekts informiert und auf mögliche Reaktionen der Kinder gefasst sind. In der Regel stehen sie dem Vorhaben positiv gegenüber. Möglicherweise ist die Zusammenarbeit Eltern/Kindergarten während der spielzeugfreien Zeit intensiver, der gegenseitige Austausch kann sehr aufschlussreich und befruchtend sein.

Warum brauchen die Lehrpersonen eine Weiterbildung?

Der Alltag im spielzeugfreien Kindergarten unterscheidet sich grundlegend vom herkömmlichen Kindergartenunterricht. Eine seriöse Vorbereitung ist unabdingbar. Wie verändert sich die Rolle der Lehrperson? Wie informiert man die Eltern? Welche Regeln gilt es zu vereinbaren? Welche Stolpersteine gibt es? Im Kurs «Spielzeugfreier Kindergarten» erhalten Lehrpersonen die nötigen Informationen.

Nähere Infos und Weiterbildung: www.spielzeugfrei.ch