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«Jeder Quadratmeter macht Sinn»

Ratgeber: Die Photovoltaik deckt aktuell 6 Prozent des Schweizer Energiebedarfs. Wie kann der Eigenverbrauch optimiert werden, wie hoch sind die Vergütungstarife der Elektrizitätswerke und sind Fassadenanlagen eine sinnvolle Sache? Ein Überblick.

Oft sind Dinge wie die Waschmaschine, der Geschirrspüler oder auch die Wärmepumpe aktiv, wenn die Photovoltaikanlage auf dem Dach keinen Strom liefert. Das kann mittels einer automatischen Steuerung geändert werden. Grafik: Verband unabhängiger Energieerzeuger (Vese)

1.05.2022

Nach dem Rekordbau im Jahr 2020 wurde auch im Jahr 2021 eine grosse Anzahl an Solarpanels installiert. Mittlerweile deckt die Photovoltaik über 6 Prozent des Schweizer Strombedarfs. Die Nachfrage ist so gross, dass sich ein Engpass an Materialien und Fachpersonal bemerkbar macht. Doch ab wann macht eine Photovoltaikanlage (kurz PV-Anlage genannt) Sinn? «Jeder Quadratmeter, welcher mit einer Photovoltaikanlage genutzt wird, macht aus Umwelt- und Klimasicht Sinn», sagt Cyrill Studer Korevaar von der unabhängigen Energieberatung Stadt und Kanton Luzern, «aus finanzieller Sicht grundsätzlich auch, da die PV-Anlage das einzige Gebäudeteil ist, welches sich je amortisiert. Eine Photovoltaikanlage spart ab dem ersten Tag ihrer Inbetriebnahme Geld – und bis zum Lebensende nach 25 bis 30 Jahren in aller Regel einiges mehr als die Gesamtkosten.»

Einfamilienhäuser werden durchschnittlich mit 50 bis 70 Quadratmetern Modulfläche belegt. Dies entspricht einer installierten Leistung von 8 bis 12 Kilowatt-Peak. Je nach Leistung ergeben sich so abzüglich Einmalvergütung und Steuerabzug, der in den meisten Kantonen möglich ist, Kosten zwischen 20 000 und rund 25 000 Franken. «Es empfiehlt sich, zumindest eine Dachseite als Ganzes mit Photovoltaik zu belegen und gegebenenfalls die zweite Dachhälfte zu einem späteren Zeitpunkt auszubauen», sagt Cyrill Studer Korevaar.

Selber bauen anstatt bauen lassen

Für diejenigen, die lieber selber bauen, um Geld zu sparen, sind Selbstbaugenossenschaften eine Alternative. Die PV-Anlage wird dabei von Spezialisten geplant, und die Genossenschaft stellt für den Bau der Anlage einen fachkundigen Bauleiter. Die Mitglieder helfen anschliessend beim Bau der Anlage mit. Bei der Energiewendegenossenschaft Basel kauft jeder Kunde und jede Kundin einmalig einen Anteilschein für 500 Franken. Dieser kann nach zwei Jahren beziehungsweise nach dem Bau der Anlage wieder ausbezahlt werden. «Die meisten Kundinnen und Kunden bleiben aber bei der Genossenschaft. Bei einer durchschnittlichen Anlage für ein Einfamilienhaus stehen vier bis fünf Personen der Genossenschaft jeweils für rund zwei Tage im Einsatz. Die Einsatzstunden der anderen Mitglieder bezahlt man mit eigenen Einsatzstunden beim Bau von anderen Anlagen ab. So können die Kosten für die Photovoltaikanlage um rund einen Drittel gesenkt werden. Die Energiewendegenossenschaft Basel hat im Jahr 2021 rund 30 Anlagen selbst gebaut. Solche Selbstbaugenossenschaften sind praktisch in jeder Region vorhanden. Die Liste der Genossenschaften ist auf selbstbau.ch zu finden.

Glencore

Energieverbrauch optimieren

Nach dem Energiegesetz ist jedes Elektrizitätswerk verpflichtet, Strom von Photovoltaikanlagen von Privaten abzunehmen. Was die Elektrizitätswerke dafür bezahlen, ist allerdings nicht national geregelt. Angesichts der kürzlich gestiegenen Energie-/Strompreise zahlen viele Elektrizitätswerke deutlich höhere Einspeisetarife als zuletzt. Die Bandbreite reicht aber dennoch sehr weit: von weniger als 4 Rappen pro Kilowattstunde bis über 20 Rappen pro Kilowattstunde. In welcher Gemeinde wie viel bezahlt wird, ist auf pvtarif.ch ersichtlich.

Gerade im Sommer fliessen oft gut 80 Prozent des Solarstroms zurück ins öffentliche Netz. Da die Zahlungen der Elektrizitätswerke oftmals nicht kostendeckend sind, sollte der Eigenverbrauch optimiert werden. Denn: Jede eigene Kilowattstunde Strom, welche nicht aus dem öffentlichen Netz bezogen wird, mindert die eigene Stromrechnung. Der Eigenverbrauch kann mit einem Batteriespeicher zusätzlich erhöht werden. In der Schweiz wird heute jede fünfte PV-Anlage mit Batteriespeicher installiert. Diese Investition ist bisher aber nur selten rentabel. Deshalb rät Energie Schweiz, den Eigenverbrauch auf anderem Weg zu optimieren. Anstatt dass der nicht verwendete Strom zum Elektrizitätswerk fliesst, kann beispielsweise das Elektroauto mit dem Solarstrom geladen werden, oder die Ansteuerung der Wärmepumpe wird aktiviert, wenn Sonnenlicht vorhanden ist, anstatt nachts. Auch die Waschmaschine oder der Geschirrspüler können so gelenkt werden, dass sie aktiviert werden, wenn Strom von der PV-Anlage bezogen werden kann.

Cyrill Studer Korevaar rechnet damit, dass die Zeit der Speicher noch kommen wird – nämlich ab dem Zeitpunkt, wenn eine gespeicherte Kilowattstunde Strom kostengünstiger ist als eine vom Energiewerk bezogene. Der Spezialist rechnet vor: «Für einen 4-Personen-Haushalt mit einem jährlichen Stromverbrauch von 4500 Kilowattstunden und einer PV-Anlage mit einer Leistung zwischen 3 und 6 Kilowatt-Peak ist ein Batteriespeicher mit einer Kapazität von 4 bis 6 Kilowattstunde angemessen. Ein solcher Speicher hat etwa die Grösse eines kleinen Kühlschranks. Damit kann der Eigenverbrauch von 30 auf in Ausnahmefällen bis zu 70 Prozent erhöht werden.

Die Fassade als Ergänzung

Will man en vogue sein, hat man die Photovoltaikanlage aber längst nicht mehr nur noch auf dem Dach, sondern auch an der Hauswand. Gerade im Winter ist dies durchaus interessant, da die Sonneneinstrahlung flacher ist, was sich für die Fassade besonders eignet. Trotzdem konnten sie sich in der Schweiz bisher noch nicht richtig durchsetzen, da sie im Vergleich zu Dachflächen teurer sind. Gemäss dem Bundesamt für Energie beträgt das gesamtschweizerische Energiepotenzial bei Fassaden rund 17 Terawattstunden, also 34 Prozent des Potenzials auf den Dächern, das bei 50 Terawattstunden liegt. Kombiniert mit Speicherlösungen, würde dies 110 Prozent des Schweizer Bedarfs abdecken. Auf sonnenfassade.ch lässt sich das Potenzial für die eigene Fassade einfach berechnen. Dasselbe kann unter sonnendach.ch für das Dach gemacht werden. Marcel Habegger

In sechs Schritten zur eigenen Photovoltaikanlage

Die Abnahmevergütung ist unterschiedlich. Aufgelistet ist eine Auswahl der grössten Elektrizitätswerke mit ihren Vergütungstarifen (Rp./kWh) bei PV-Anlagen mit 10 kVA im Jahr 2022. Die komplette Liste ist auf www.pvtarif.ch erhältlich. Quelle: Vese
Die Abnahmevergütung ist unterschiedlich. Aufgelistet ist eine Auswahl der grössten Elektrizitätswerke mit ihren Vergütungstarifen (Rp./kWh) bei PV-Anlagen mit 10 kVA im Jahr 2022. Die komplette Liste ist auf www.pvtarif.ch erhältlich. Quelle: Vese

• Über sonnendach.ch können Kosten und Rendite errechnet werden.
• Entsprechende Solarfirmen können unter solarprofis.ch gesucht werden.
• Bis zu drei Offerten können beim Solar-Offerte-Check von Energie Schweiz kostenlos überprüft werden.
• Handbuch Eigenstromverbrauch optimieren.
• Die Anlage wird nach der Erstellung gefördert. Die Beantragung hat nach der Installation stattzufinden. Förderprogramm suchen auf www.energiefranken.ch
• Weitere Fragen kostenlos bei städtischen oder kantonalen Umweltberatungen klären. Die lokalen Energieberater finden sich unter www.energieschweiz.ch/beratung/energieberatung

Die Photovoltaikanlage für Mieterinnen und Mieter

Mini-PV-Anlage Photovoltaikanlagen auf dem Dach sind etwas für Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer. Plug-and-play-Anlagen für den Balkon oder die Terrasse bieten aber auch Mieterinnen und Mietern die Möglichkeit, selbst Strom zu produzieren.

Anders als auf dem Dach ist die Montage der sogenannten Plug-and-play-Anlagen relativ simpel: Sie werden an das Terrassengeländer montiert, und der produzierte Storm wird direkt in die Steckdose gespeist. Im Vergleich zu grossen, fix installierten PV-Anlagen können die PV-Anlagen to go energietechnisch natürlich nicht mithalten, auch weil Plug-and-play-Anlagen die Gesamtleistung von 600 Watt nicht überschreiten dürfen. So können lediglich rund 10 Prozent des Bedarfs gedeckt werden. Fördergelder sind mit den Plug-and-play-Anlagen auch keine zu holen, da PV-Anlagen erst ab 2000 Watt unterstützt werden und einen fixen Standort benötigen. Bei Anschaffungskosten zwischen 600 und 1800 Franken ist allerdings auch der finanzielle Aufwand überschaubar. Mit den meistens zwei Solarmodulen, die rund 600 Kilowattstunden pro Jahr generieren, kann etwa der Jahresenergiebedarf für die Spülmaschine (ca. 250 Kilowattstunden) und den Kühlschrank (ca. 330 Kilowattstunden), berechnet auf einen 4-Personen-Haushalt, gedeckt werden.

Wer eine grosse Terrasse oder einen grossen Balkon besitzt, kann am Balkongeländer natürlich auch eine deutlich grössere Fläche an Photovoltaikpanels anbringen. Eine solche Fläche kann aber nicht mehr vom Nutzer selber an der Steckdose angeschlossen werden, sondern erfordert für die Installation den Einsatz einer Fachperson.

Informieren und anmelden

Neben der Obergrenze von 600 Watt Leistung darf maximal eine Anlage pro Zählerstromkreis vorhanden sein. Auch muss die PV-Anlage den Vorgaben der Verordnung über elektrische Niederspannungserzeugnisse entsprechen. Es lohnt sich also, sich genau über die Anlagen im Fachhandel zu informieren. Zusätzlich gilt es, die Anschlussbedingungen der zuständigen Netzbetreiber zu berücksichtigen. In jedem Fall muss eine Anmeldung mittels Anschlussgesuch beim Netzbetreiber erfolgen, und der Stromzähler muss gewechselt und freigeschalten werden.

Dann kann der Nutzer oder die Nutzerin genau wie bei einer Photovoltaikanlage auf dem Dach Strom, den er oder sie nicht selbst nutzt, in das Stromnetz zu den aktuellen Tarifen einspeisen. Am besten sollte aber vor dem Kauf auch der Vermieter oder die Vermieterin über das Vorhaben informiert werden.

Ganz ungefährlich ist die Sache nicht. «Es besteht grundsätzlich die Gefahr einer möglichen Überlastung, wenn gleichzeitig Strom eingespeist und bezogen wird», erklärt Andrea Portmann, Sprecherin des Energieversorgungsunternehmens Eniwa im Raum Aarau. «Dadurch entsteht Brandgefahr», warnt sie. Dies kann nur gelöst werden, wenn für die Plug-and-play-Anlage eine eigene Steckdose mit einer eigenen Absicherung durch Schutzeinrichtungen und FI-Schalter in der richtigen Dimension installiert wird. Auf dieser Steckdose dürfen aber keine Verbraucher angeschlossen werden.

Klar ist: Wer ein Eigenheim besitzt, setzt besser auf eine grosse PV-Anlage auf dem Dach, die mit rund 10 000 Kilowattstunden deutlich mehr Energie liefert. Die Mini-PV-Anlagen geben den Mieterinnen und Mietern aber die Möglichkeit, zumindest einen kleinen Teil des Strombedarfs selbst zu produzieren. (mh)