Welches Schulfach ist am wichtigsten? Mathematik? Deutsch? Oder sind es die Mint-Fächer? Kommt drauf an, wen man fragt: Eltern, Lehrmeister, Uni-Professorinnen, Konzernleitende … Sport wird kaum jemand für besonders karriererelevant halten. Unter den Schulfächern gehört Schulsport quasi zu den Randsportarten. In den Kollegien geniessen die Sportlehrerinnen und Sportlehrer nicht das höchste Image. Das zeigt sich in verschiedenen Situationen: an der Notenkonferenz, an der Anzahl ausfallender (statt mit Stellvertretungen besetzter) Stunden, an der Pflichtstundenzahl oder mitunter auch auf der Lohnabrechnung. Und spätestens seit den Pisa-Erhebungen ist klar: Interessant ist, was Schülerinnen und Schüler in Sprache, Mathematik und den Naturwissenschaften leisten. Nicht, wozu sie motorisch fähig sind.

Computer statt Sport

Es fehlt nicht an wissenschaftlichen Studien, die postulieren: Schulsport ist wichtig und wird in Zukunft noch viel wichtiger werden, denn Kinder und Jugendliche bewegen sich immer weniger. Computerspiele, Smartphones und Serien-Konsum verdrängen «Fangis» und «Halli-Hallo». Sportliche Betätigung ist aus dem Alltag vieler Kids verschwunden. Die Folge: Sie werden zunehmend träge und viele leiden an Übergewicht, Haltungsschäden und weiteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Gemäss einer neuen Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO treiben über 85 Prozent der Schweizer Jugendlichen unter 17 Jahren im Alltag zu wenig Sport, bei den Mädchen sind es fast 90 Prozent. Der Corona-bedingte Lockdown der Schulen hat die Problematik noch verstärkt: Besonders die eh schon bewegungsfaulen und/oder übergewichtigen Kinder und Jugendlichen haben in dieser Zeit noch weniger Sport betrieben.

Sind drei Lektionen zu viel oder zu wenig?

Unsere Jugendlichen entwickeln sich also zu Bewegungsmuffeln. Dies, obschon Sport das einzige Schulfach ist, bei dem der Bund vorgibt, in welchem (Mindest-)Umfang es auf allen Stufen vom Kindergarten bis zu den Berufsschulen erteilt werden muss. Die Verordnung zum nationalen Sportfördergesetz schreibt den Kantonen vor, dass pro Woche drei Stunden Sportunterricht Pflicht sind. Kostenpunkt gesamthaft: 1,4 Milliarden Franken. Wenig erstaunlich, dass es seit Einführung dieses Obligatoriums im Jahr 1987 immer wieder Versuche gegeben hat, dieses zu kippen. Bisher sind alle diesbezüglichen Versuche der Kantone im Parlament gescheitert.

Fachexperten und Fachexpertinnen sind der Meinung, drei Stunden Sport pro Woche seien aus sport- und gesundheitspolitischer Sicht klar zu wenig. Das genüge nicht, um die fatale Tendenz aufzuhalten. Klar ist: Der Schulsport allein kann den zunehmend bewegungsarmen Alltag der Schülerinnen und Schüler nicht kompensieren. Die WHO empfiehlt mindestens eine Stunde Bewegung pro Tag. Das bedeutet: Es braucht ergänzend attraktive Angebote im Bereich Freizeitsport wie freiwilligen Schulsport, Vereinssport oder Bewegungsgeräte im öffentlichen Raum. Und Motivatoren, die die Kinder und Jugendlichen für lebenslanges Sporttreiben motivieren können – engagierte Sportlehrpersonen zum Beispiel.

Sport fördert Denken und soziale Kompetenzen

Sport ist nicht nur für den Körper gesund, er wirkt sich auch positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit und das Lernverhalten von Schülerinnen und Schülern aus. In verschiedenen Studien konnte die Hirnforschung nachweisen, dass vor allem koordinative Bewegungsaufgaben die Bildung von Synapsen im Gehirn fördern. Leistungsorientierte Eltern sollten demnach ihre Kinder vielleicht lieber ins Sporttraining als in die Nachhilfe schicken. Noch besser belegt als eine direkt verbesserte Denkleistung sind die psychosozialen Auswirkungen körperlicher Betätigung, besonders auch des Schulsports. Er fördert neben dem Abbau von Aggressionen Fähigkeiten wie Teamgeist, Disziplin, Toleranz, Regelverständnis, Verantwortung, Selbsteinschätzung oder Leistungsbereitschaft. Wie kein anderes Fach leistet also der Schulsport seinen Beitrag für eine ganzheitliche Persönlichkeitserziehung.

Heterogenität als Herausforderung

Sport ist für viele Schülerinnen und Schüler das Lieblingsfach, für andere aber erklärtes Hassfach. Da kommt der Sportlehrperson eine Schlüsselfunktion zu. Die Heterogenität ist dabei eine grosse Herausforderung. In derselben Klasse befinden sich in der Regel ausgesprochene Sportmuffel genauso wie Bewegungstalente, die vielleicht in Vereinen Leistungssport betreiben und ganz andere Herausforderungen brauchen. Die einen motivieren, die anderen fordern – von den Sportlehrperson wird punkto Individualisierung des Unterrichts nicht weniger gefordert als von jeder anderen Fachlehrperson.

Fazit: Kaum ein Fach ist so breit angelegt und fördert neben der motorischen Leistung fächerübergreifende Kompetenzen so umfassend wie der Sport. Höchste Zeit also, dass dem Fach die Anerkennung zukommt, die es verdient. Die Gesellschaft tut gut daran, eine Lanze zu brechen für den Sportunterricht. Das wird ihn in der allgemeinen Wahrnehmung kaum zuoberst aufs Podest der «wichtigsten Fächer» katapultieren. Aber vielleicht zu etwas mehr Wertschätzung führen für ein Fach, das in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Gewinnen muss. Yvonne Reck Schöni und Peter Wittwer, Kommunikation Erziehungsdepartement Basel-Stadt