Interview Lea Marti 
 
Im aktuellen globalen Energiesystem scheint alles knapp zu sein. Die Zukunft sieht anders aus, so Ihr Forschungsergebnis. 

Stefan Breit: Wir haben uns bei der GDI-Studie «Die neue Energiewelt. Vom Mangel zum Überfluss» entschieden, keinen Strauss an Szenarien in den Fokus zu stellen, sondern die eine Zukunftssicht: dass im 21. Jahrhundert die alte industrielle Welt des Öls von einer neuen digitalen Welt der Elektrizität abgelöst wird. Dabei transformiert das globale Energiesystem von einem System der Knappheit in ein System des Überflusses. Wenn ich an meinen Referaten das Publikum frage, ob sie denken, zu wenig, genau richtig oder zu viel Energie zur Verfügung zu haben, sagen sie bereits heute, dass Energie im Überfluss vorhanden sei. Knappheit und Mangel als Wörter in den aktuellen Energiedebatten rühren daher, dass unser Wirtschaftssystem nach wie vor durch endliche fossile Energieträger angetrieben wird.
       


"Verzicht wird die Energiewende bestimmt nicht vorantreiben."


Angesichts der aktuellen Diskussionen rund um Energiesparen, Energieeffizienz und weniger Konsumieren: Welche Reaktionen löste diese, doch auch provozierende These aus?

Wir erhielten eine ganze Bandbreite an Reaktionen. Von Kritik bis über Lob war alles mit dabei. Eine nationale Zeitung fragte sich, was wir bei der Ausarbeitung dieser Studie wohl geraucht hätten (lacht). Trotz dem Gegenwind, der uns entgegenblies, werte ich die Reaktionen als Erfolg, weil die Studie eine Debatte über unsere Energiezukunft in Gang setzte.

Was hat Sie zu der These gebracht, wenn es denn keine bewusstseinserweiternden Substanzen waren? (schmunzeln)

Im Grunde beschreiben wir ein Energiesystem, das zu 100 % auf nicht fossilen Quellen beruht. Dafür braucht es keine bewusstseinserweiternden Substanzen, das steht im Kern bereits im Pariser Klimaabkommen und wurde im Anschluss an unsere Studie auch politisch bestätigt: Die Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt, bis ins Jahr 2050 netto-null Emissionen auszustossen.

Widerstand. Zuspruch. Kritik. Lob. Genau diese Reaktion nehmen Sie in Ihrer Studie mit dem Entwicklungsmodell von «Normal» Richtung «New Normal» auf, die die Gesellschaft im Zuge der Transformation durchlaufen wird.

Dieses Modell stammt von Venkatesh Rao, einem amerikanischen Philosophen und Mitautor der GDI-Studie. Es behandelt die Zeit des Umbruchs, des Übergangs von heute, dem aktuellen Ist-Zustand, zu morgen, dem neuen Normal-Zustand. Diese Übergangsphase, die Entstehung dieses «Neuen», ist geprägt von Widersprüchen und Interessenkonflikten, von Unsicherheiten und Überraschungen. Der Ablauf ist nicht linear, sondern völlig unberechenbar.

Doch das Ende scheint Ihrer Studie zufolge klar zu sein: Energie steht immer und überall in der benötigten Menge zur Verfügung und wird vollständig aus nicht fossilen Quellen gewonnen.

Die Aussage mag überraschen. Der Grund ist, dass wir heute rund 85 Prozent der genutzten Energie durch fossile, endliche Brennstoffe wie Kohle, Öl oder Gas bereitstellen. Doch theoretisch war, ist und wird Energie nie knapp. Ein Beispiel: Die Sonne strahlt in zwei Stunden mehr Energie auf die Erde, als die gesamte Menschheit in einem ganzen Jahr verbraucht. Begrenzt sind zurzeit nur unsere Mittel, die unbegrenzt zur Verfügung stehende Energie zu nutzen.


"Begrenzt sind zurzeit nur unsere Mittel, die unbegrenzt zur Verfügung stehende Energie zu nutzen."


Das Ende der industriellen Welt des Öls ist demnach nur eine Frage der Zeit?

Es braucht Zeit, ja, aber es ist nicht nur eine Frage der Zeit. Wir müssen die Energiezukunft aktiv gestalten. Allerspätestens in rund 600 Jahren ist es sowieso keine freiwillige Entscheidung mehr, auf fossile Brennstoffe zu verzichten, denn bis dann werden sie aufgebraucht sein. Doch so lange wird es nicht dauern. Um eine Aussage des langjährigen saudischen Ölministers Ahmed Zaki Yamani heranzuziehen: «Die Steinzeit endete nicht aus Mangel an Stein, und die Ölzeit wird enden, lange bevor der Welt das Öl ausgeht.»

Was wird den Wandel vorantreiben?

Wir kennen die Umweltauswirkungen unserer Lebensweise und die dazugehörigen Zahlen und Entwicklungen bereits seit über 60 Jahren. Doch ein Wandel im Energiesystem blieb aus. Anscheinend haben wir den Schlüssel zur Transformation noch nicht gefunden. Verzicht ist es bestimmt nicht. Was es braucht sind politische Entscheide, wirtschaftliche Anreize, und Menschen, die den Wandel vorantreiben.

Welche Entwicklungen dürfen wir erwarten?

Wie genau das Energieüberflusssystem aussehen wird, ist nur in seinen Grundzügen klar: Es wird dekarbonisiert, elektrifiziert und digital sein, hauptsächlich angetrieben durch erneuerbare Energien. Wir haben hierzu eine Trendlandschaft entwickelt und rund 30 verschiedene Entwicklungen, sogenannte Shifts, identifiziert, die zu diesem neuen Energiesystem führen werden. Sie variieren in ihrer Wahrscheinlichkeit und in ihrer Auswirkung. Die denkbarsten Shifts werden die Elektrifizierung, die Gratisenergie und atmende Microgrids sein.

Können Sie diese näher erläutern?

Der Shift der Elektrifizierung ist bereits in Gang und nimmt die technische Entwicklung auf, bei der immer mehr Geräte, Maschinen oder Fahrzeuge mit Strom betrieben werden. Mit den atmenden Microgrids sind Stadtteile und Energiegenossenschaften gemeint, die ihre eigenen Netzwerke gründen und sich so vom Versorger unabhängig machen. Der prognostizierte Gratisenergie-Shift trägt der Tatsache Rechnung, dass uns erneuerbare Energiequellen wie Sonne, Wasser und Wind gratis zur Verfügung stehen. Sind die Fixkosten einmal abbezahlt, kann in letzter Konsequenz Energie gratis werden. Dass die Expert*innen diesen Shift als realistisch eingestuft haben, hat uns selber überrascht. Denn in den letzten Jahren sehen wir eher eine Preiszunahme von Energie.

Wie sieht eine Welt aus, in der Energie plötzlich in grossen Mengen gratis zur Verfügung stehen wird?

Sicherlich wird Strom kein «Luxusgut der Industrienationen» mehr sein, sondern in vielen Teilen der Welt verfügbar, wo dies bis anhin noch nicht der Fall ist. Die Herstellungskosten für Güter werden sinken, wie auch Transportkosten. Ebenso werden sich neue Geschäftsmodelle entwickeln. Der Verkauf von Strom wird zum Vehikel, um neue Einnahmequellen zu erschliessen. Als Vorbild kann hierfür die Telekommunikations-Branche dienen: Die Festnetztelefonie ist heute fast kostenlos zu haben, während Gewinne im Mobilfunk eingefahren werden. Weiter reichende Folgen können wir nur erahnen. Verbrauchen wir immer mehr, wenn wir in einem «Energieschlaraffenland» leben, oder sind wir an einem gewissen Punkt gesättigt? Werden allenfalls neue Knappheiten und Ungleichheiten geschaffen? Wird es eine Verschiebung zu einer Gesellschaft geben, wo es nicht mehr um die Quantität von Gütern, sondern nur mehr um die Lebensqualität geht?