Regula Simsa, Investment Analyst, Basellandschaftliche Kantonalbank 

In seinen letzten Wachstumsschätzungen Anfang Januar hat der Internationale Währungsfonds (IWF) die Prognosen für das globale Wirtschaftswachstum für 2020 von 3,4 auf 3,3 Prozent zurückgenommen. Während die Industrienationen 2020 und 2021 noch mit 1,6 Prozent wachsen werden, sind die Schwellenländer mit 4,4 Prozent Wachstum im laufenden Jahr und mit 4,6 Prozent im Jahr 2021 deutlich dynamischer. Die Bevölkerung in diesen Ländern nimmt zu und es besteht nach wie vor grosser Aufholbedarf beim Lebensstandard. Innerhalb dieser Nationengruppe gibt es jedoch starke Unterschiede beim Entwicklungstempo.
  

BLKB

Lateinamerika: Hat die Aufholjagd begonnen?

Brasilien als wirtschaftlicher Motor von Lateinamerika kommt aus einer langen Rezession. Geopolitische Risiken wie der Handelskrieg und regionale Krisen in Venezuela und Argentinien belasten den Kontinent. Während Asien im letzten Jahrzehnt starke Wachstumszahlen präsentieren konnte, hinkte Lateinamerika den Industriestaaten und den meisten anderen Schwellenländern hinterher. So hat sich die Differenz der Wachstumsraten zwischen den entwickelten Ländern und dem gesamten lateinamerikanischen Kontinent in den letzten Jahren zugunsten der entwickelten Volkswirtschaften vergrössert. Die schlimmsten Auswirkungen der Krise sind nun allmählich überwunden und der dringend benötigten Vorsorgereform wurde politisch zugestimmt. Dies sollte die Konjunktur mittelfristig stützen. Zusätzlich soll die expansive Geldpolitik der Zentralbank den Motor wieder zum Laufen bringen. Der Aufschwung Brasiliens kann dem gesamten Kontinent zu Wachstum verhelfen.


"Das erwartete Gewinnwachstum der lateinamerikanischen Unternehmen liegt über jenem der Industriestaaten."


Attraktive Aktienmärkte – kurzfristige Risiken überwiegen

Der Internationale Währungsfonds prognostiziert, dass sich jedoch erst im Jahr 2021 die Differenz der Wachstumsraten zugunsten von Lateinamerika drehen wird. Die Aktienmärkte in Lateinamerika sind im Vergleich zu den Industriestaaten günstig bewertet. Die Binnennachfrage und lokale Investitionen haben sich verbessert. Das hat sich positiv auf den Ausblick der Unternehmen der Region ausgewirkt. Das erwartete Gewinnwachstum der lateinamerikanischen Unternehmen liegt überjenem der Industriestaaten. Ob sich der wirtschaftliche Aufschwung von Lateinamerika bereits im Jahr 2020 manifestieren wird, ist jedoch zu bezweifeln. Der Handelsstreit wird ein Unsicherheitsfaktor bleiben. Kurzfristig überwiegen die politischen Risiken in Venezuela und Argentinien, was Auswirkungen auf den Kontinent hat und das Wachstum weiterhin bremsen wird. Ausserdem wird die Umsetzung der die Konjunktur unterstützenden Systemreformen in Brasilien einige Zeit beanspruchen. Die Region wird erst mittelfristig für Investoren wieder attraktiver.
  

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Handelskonflikt unterbricht Dynamik in Asien

China als zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt dominiert das Wachstum in Asien. Der Handelskonflikt und die damit verbundenen negativen Einwirkungen auf den wichtigen Exportsektor haben nicht nur in China, sondern in ganz Asien Spuren hinterlassen. Das Wirtschaftswachstum in den letzten zwei Jahren war unterdurchschnittlich und die Gewinne der Unternehmen kamen unter Druck.

Dank einer stark wachsenden Mittelschicht gewinnt der Binnenkonsum in vielen asiatischen Volkswirtschaften an Bedeutung. Die kaufkräftige asiatische Bevölkerungsschicht ist zudem sehr technologieaffin und neuen Trends gegenüber aufgeschlossen. Das begünstigte das Entstehen von lokalen Giganten im Technologiebereich. Die Börsen Taiwans und Südkoreas sind mit weltweiten Branchenführern wie Samsung Electronics und Taiwan Semiconductor Manufacturing stark technologielastig. China hat eigene Giganten in den Bereichen soziale Medien und Internethandel (Alibaba, Tencent) hervorgebracht. Von den zehn grössten Positionen in einem der wichtigsten asiatischen Aktienindizes, dem MSCI Far East ex. Japan, gehören sechs Unternehmen zu den Bereichen soziale Medien, Technologie oder Telekommunikation. Der Technologiesektor macht über 30 Prozent des Index aus. Von den globalen Trends wie Digitalisierung und Automatisierung, künstliche Intelligenz und Internet der Dinge werden die asiatischen Volkswirtschaften und die kotierten Unternehmen überdurchschnittlich profitieren. Zudem hat die chinesische Regierung Programme zur Stützung der Wirtschaft lanciert.
  

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Längerfristiges Potenzial hoch – kurzfristig jedoch volatil

Asiatische Börsen sind aufgrund der jüngsten Korrekturen attraktiver bewertet. Der Abschluss des Handelsabkommens zwischen den USA und China hat für eine starke Aufwärtsbewegung an den Börsen gesorgt. Eine Lösung des Handelskonflikts wird aber erst nach den US-Präsidentschaftswahlen im Herbst erwartet. Kurzfristig sorgt die schnelle Verbreitung des Corona-Virus ebenfalls für Volatilität, da das Ausmass der Krankheit sowie die Auswirkungen kaum abschätzbar sind. Das längerfristige Potenzial relativiert jedoch die kurzfristigen Risiken. Die Gruppe der Emerging-Markets-Länder ist nicht homogen. Für den Aktieninvestor bietet sich durch eine differenzierte Betrachtung der Vorteil, auf die Dynamik und Bewertung der Regionen eingehen zu können und sich zu positionieren.

Hinweis

Die Angaben eignen sich zur Info – sie ersetzen aber nicht die Beratung oder Empfehlung der BLKB.